Wenn etwas endet – Feuerwehr, Verantwortung & Wahrheit

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Wenn etwas endet, das mich über 10 Jahre getragen hat

Es gibt Geräusche, die setzen sich nicht ins Ohr.
  Sie setzen sich direkt ins Nervensystem.

Eine Sirene ist so ein Geräusch.
  Nicht dieses schrille Filmklischee, das man wegdrückt.
  Sondern dieses tiefe, vibrierende Heulen, das dir sagt: Jetzt ist Schluss mit Alltag. Jetzt zählt es.

Über zehn Jahre lang war dieses Geräusch Teil meines Lebens.
  Manchmal laut.
  Manchmal nur als Möglichkeit im Hinterkopf.
  Aber immer da. Verlässlich. Wie ein Geländer im Nebel.

Die Feuerwehr war kein Hobby.
  Sie war Struktur.
  Sie war Halt.
  Sie war Ordnung für einen Kopf, der selten stillsteht.

Und jetzt ist da Stille.

Keine Sirene.
  Kein Funk.
  Kein Geräusch, das sagt: Du wirst gebraucht.

Nur ein Wort.
  Auf Papier.
  Sachlich. Kalt. Endgültig.

Entpflichtet.

Eine Ära endet nicht immer mit einem Knall.
  Manchmal endet sie mit einem Verwaltungsakt.
  Und genau das tut am meisten weh.

Zehn Jahre passen nicht in ein Formular

Zehn Jahre Feuerwehr lassen sich nicht sauber zusammenfalten.
Nicht archivieren.
Nicht abhaken.

Sie sitzen im Körper.
Im Blick.
In der Art, wie du einen Raum betrittst.

Ich habe dort gelernt, ruhig zu bleiben, wenn andere laut werden.
Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen, wenn niemand Zeit hat zu zögern.
Ich habe gelernt, Dinge zu tragen, die eigentlich zu schwer für einen Einzelnen sind.

Die Feuerwehr war mein Gegengewicht.
Wenn mein Kopf rannte, war sie der Rahmen.
Wenn Gedanken sprangen, war sie das Raster.

Ein Ort, der nicht diskutiert hat, ob jemand anders tickt.
Er hat einfach gesagt: Hier ist deine Aufgabe.

Und dieser Ort ist jetzt weg.

Nicht, weil ich ihn verlassen wollte.
Nicht, weil ich aufgegeben hätte.
Sondern weil etwas entschieden wurde, während ich kurz innehielt.

Der neue Job – und der Versuch, alles richtig zu machen

Seit Februar arbeite ich in einem neuen Job bei Finger Beton in Ludwigshafen.
Ein bewusster Schritt.
Ein Neuanfang, der nach Verantwortung riecht und nach langen Tagen schmeckt.

Viel Arbeit.
Wenig Luft.
Kaum Spielraum.

Ich habe schnell gemerkt: So wie früher geht es nicht mehr.
Nicht jede Übung.
Nicht jeder Termin.
Nicht jedes spontane Einspringen.

Also habe ich im Juli eine Beurlaubung beantragt.
Sechs Monate.
Nicht als Rückzug.
Sondern als Versuch, fair zu bleiben.

Fair gegenüber der Wehr.
Fair gegenüber mir selbst.

Ich dachte, Offenheit schützt.
Ich dachte, Ehrlichkeit wird beantwortet.

Vielleicht war genau das mein Irrtum.

Denn während ich glaubte, Verantwortung zu übernehmen, wurde entschieden.
Ohne Gespräch.
Ohne Vorwarnung.
Ohne die Möglichkeit, Dinge einzuordnen.

Die Entpflichtung kam nicht als Frage.
Sie kam als Feststellung.

Und plötzlich war etwas weg, das mich jahrelang stabilisiert hatte.

Wenn Entscheidungen eine Vorgeschichte haben

Es wäre gelogen zu sagen, diese Entscheidung sei aus dem Nichts gefallen.
Zwischen dem neuen Wehrführer und mir gab es Differenzen.
Nicht laut.
Nicht ständig.
Aber spürbar.

Unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Verantwortung aussieht.
Wie Führung funktioniert.
Wie viel Raum Unterschiedlichkeit bekommt.

Einmal ist es richtig geknallt.
Nicht diplomatisch.
Nicht elegant.
Sondern roh. Direkt. Unangenehm.

Ich werde hier keine Worte zitieren.
Keine Szenen rekonstruieren.
Nicht, weil sie mir egal wären –
sondern weil sie nicht der Kern sind.

Der Kern ist das, was danach gefehlt hat:
ein echtes Gespräch.
Ein Raum, in dem man hätte sagen können: Wir ticken anders – und trotzdem stehen wir auf derselben Seite.

Stattdessen blieb etwas Ungesagtes zurück.
Und Ungesagtes wirkt.
Wie ein feiner Riss im Fundament.

Zwei Arten, Verantwortung zu leben

Es gibt Menschen, die arbeiten innerhalb klarer Grenzen.
Wenn etwas ansteht, wird es erledigt.
Wenn nichts ansteht, ist Ruhe.

Und dann gibt es Menschen wie mich.

Ich sehe Dinge, bevor sie ausgesprochen werden.
Ich spüre Spannungen, bevor sie eskalieren.
Ich räume auf, bevor jemand merkt, dass Chaos da ist.

Ich habe nie darüber gesprochen.
Nie angeklagt.
Nie gemeldet.

Ich habe gemacht.

Nicht, weil ich besser bin.
Sondern weil mein innerer Maßstab anders funktioniert.

Ich halte es schlecht aus, wenn Dinge liegen bleiben.
Wenn Abläufe haken.
Wenn Verantwortung diffus wird.

Also übernehme ich.
Still. Zuverlässig. Unauffällig.

Und genau da beginnt die Falle.

Der Satz, der alles kippt: „Ja, ich mach das“

Ich sage zu oft Ja.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Pflichtgefühl.

Ja, ich mach das.
Ja, passt schon.
Ja, kein Problem.

Diese Sätze fühlen sich gut an.
Kurzfristig.

Sie geben mir Sinn.
Richtung.
Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Aber jedes Ja verschiebt meine Grenzen.
Unmerklich.
Millimeterweise.

Bis sie verschwunden sind.

Und dann stehst du da
– und wunderst dich, warum du leer bist,
obwohl du doch immer voll geliefert hast.

Neurodivergenz – der Verstärker

Ich ticke anders.
Meine Neurodivergenz ist kein Defizit.
Sie ist ein Verstärker.

Verantwortung fühlt sich schwerer an.
Unordnung schmerzt mehr.
Ungesagtes bleibt länger hängen.

Ich halte länger durch.
Ich gebe mehr.
Und ich merke später, wenn es zu viel wird.

Menschen wie ich brechen nicht, weil sie nichts tun.
Sie brechen, weil sie zu lange alles tun.

Und oft merkt das niemand.
Weil es ja funktioniert.
Weil man sich auf uns verlassen kann.

Bis man es nicht mehr tut.

Arbeit, Dankbarkeit – und das schleichende Verschwinden

Auch im Job durfte ich Verantwortung übernehmen.
Eigene Projekte.
Eigene Ideen.

Dafür bin ich dankbar.

Aber ich habe auch dort gemerkt, wie unterschiedlich Maßstäbe sind.
Wie verschieden Einsatz gelesen wird.

Ich habe versucht, Dinge glattzuziehen.
Konflikte zu vermeiden.
Ordnung zu schaffen, bevor jemand sie einfordert.

Nicht aus Feigheit.
Sondern aus Harmoniebedürfnis.

Und genau dort verliere ich mich.

Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Sondern schleichend.

Wenn Stabilität weg ist, bleibt erst Leere

Die Feuerwehr war mein sicherer Ort.
Nicht perfekt.
Aber verlässlich.

Ein System, das mir Halt gegeben hat.
Ein Rahmen für einen Kopf, der sonst keinen kennt.

Und jetzt fehlt genau das.

Wie ein Geländer, nach dem du greifst –
und ins Leere fasst.

Und jetzt kommt der Gedanke, der nicht mehr leise ist

Vielleicht habe ich lange die falsche Frage gestellt.

Vielleicht ging es nie darum,
wer zu wenig tut
oder wer zu viel trägt.

Vielleicht ging es darum,
wer gelernt hat, sich bequem einzurichten –
und wer gelernt hat, unbequem zu funktionieren.

Denn Menschen wie ich sind berechenbar.
Nicht, weil wir schwach sind.
Sondern weil wir zuverlässig sind.

Wir springen ein.
Wir schließen Lücken.
Wir sagen Ja, wenn andere zögern.

Und irgendwann entsteht ein stilles Gesetz:
Der macht das schon.

Nicht ausgesprochen.
Nicht beschlossen.
Aber gelebt.

Vielleicht war ich nie das Problem – sondern das Risiko

Vielleicht war ich nicht unbequem,
weil ich zu wenig angepasst war.

Vielleicht war ich unbequem,
weil ich zu viel getragen habe.

Weil jemand, der immer übernimmt,
zeigt, dass Übernehmen möglich ist.

Und das ist gefährlich.
Nicht für Systeme,
sondern für Menschen,
die sich in Systemen eingerichtet haben.

Ich habe nie gesagt: Du machst zu wenig.
Ich habe nie gesagt: Das ist unfair.
Ich habe nie gesagt: Das kann so nicht bleiben.

Ich habe es einfach gemacht.

Und vielleicht war genau das mein Fehler.

Wenn Schweigen lauter ist als jeder Vorwurf

Ich habe nie angeschwärzt.
Nie bloßgestellt.
Nie mit dem Finger gezeigt.

Ich habe geschwiegen
und gearbeitet.

Aber Schweigen schützt nicht immer.
Manchmal macht es unsichtbar.

Und Unsichtbares kann man leichter entfernen
als etwas, das laut widerspricht.

Die Wahrheit, die niemand gern hört

Systeme lieben Menschen,
die funktionieren.

Aber sie lieben es nicht,
wenn diese Menschen denken.

Wenn sie vergleichen.
Wenn sie Muster erkennen.
Wenn sie merken,
dass „normal“ oft nur ein anderes Wort für „bequem“ ist.

Ich war nie gefährlich,
weil ich laut war.

Ich war gefährlich,
weil ich zu genau hingeschaut habe.

Jetzt kommt der Teil, der brennt

Ich habe lange geglaubt,
ich sei entpflichtet worden.

Heute denke ich etwas anderes.

Vielleicht wurde ich entlastet
nur nicht zu meinem Vorteil.

Vielleicht wurde ich entfernt,
weil ich zu schwer geworden bin
für ein System,
das lieber leicht bleibt.

Vielleicht war ich kein Opfer.
Vielleicht war ich Ballast.

Nicht, weil ich nichts konnte.
Sondern weil ich zu viel konnte
und zu wenig geschwiegen habe –
allein durch mein Tun.

Das hier ist kein Angriff
Das hier ist ein Brandzeichen

Ich schreibe das nicht,
um jemanden zu treffen.

Ich schreibe es,
weil ich nicht mehr bereit bin,
mich selbst zu löschen,
damit andere es warm haben.

Ich schreibe es für Menschen wie mich.
Für die Stillen.
Für die Zuverlässigen.
Für die, die Ja sagen,
bis nichts mehr übrig ist.

Und ich schreibe es auch für die,
die sich jetzt unwohl fühlen beim Lesen.

Nicht, weil sie gemeint sind.
Sondern weil sie sich erkennen.

Das Ende brennt – und das ist gut so

Vielleicht auch nicht.

Aber eines ist vorbei:

Ich werde nie wieder der sein,
der alles trägt
und am Ende erklärt bekommt,
dass er zu schwer war.

Ich lösche keine Brände mehr,
die andere absichtlich legen.

Ich halte keine Systeme mehr zusammen,
die nur funktionieren,
solange jemand sich selbst vergisst.

Und wenn dieser Text brennt –
dann deshalb,
weil Wahrheit heiß ist,
wenn man sie lange genug unterdrückt.

Ich stehe nicht mehr im Rauch,
um anderen die Sicht zu retten.

Jetzt brennt es.
Und ich gehe nicht mehr als Erster rein.

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