Der Moment nach dem Schlussstrich

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Feuerwehr, Abschied, Identität – und die Kunst, sich selbst nicht zu verlieren

Es gibt Abschiede, die laut sind.
Mit Applaus. Mit Schulterklopfen. Mit warmen Worten, die wie Pflaster wirken sollen.

Und dann gibt es Abschiede wie meinen.
Leise.
Unsichtbar.

Wie ein Faden, der reißt, ohne dass jemand das Geräusch hört.
Nur du.
Nur dein Inneres.
Und dieses dumpfe Wissen, dass etwas, das dich jahrelang getragen hat, plötzlich fehlt.

Wenn ein Abschied keiner ist – und trotzdem alles verändert

Es war kein Gespräch.
Kein „Setz dich mal“.
Kein Blick, der sagt: Wir hätten das anders lösen können.

Es war ein Satz.
Kurz.
Sachlich.

Entpflichtung.

Ein Wort, das klingt wie Ordnung –
und sich anfühlt wie Verlust.

Mein Kopf wusste, dass es irgendwann passieren musste.
Mein Körper wusste es nicht.
Mein Herz schon gar nicht.

Feuerwehr ist kein Ehrenamt – sie ist mehr

Viele sagen: Ehrenamt.
Ich sage: Zustand.

Ein inneres Klicken.
Ein Reflex.
Etwas, das tiefer sitzt als Müdigkeit, Zweifel oder Vernunft.

Wenn irgendwo Blaulicht auftauchte, lief in mir ein Film an.
Nicht laut.
Nicht panisch.
Sondern klar.

Wie ein alter Zauber, der nie ganz verschwindet.

Der Moment, der alles zurückholte

Ich saß neben Svenja im Auto.
Ein normaler Tag.
Asphalt unter den Reifen. Radio im Hintergrund. Gedanken irgendwo zwischen müde und leer.

Dann:
Blaulicht.
Martinshorn.
Einsatzfahrt.

Und es war, als hätte jemand einen Riss in die Zeit gezogen.
Für einen Atemzug fiel alles hindurch, was ich einmal war.

Wenn der Melder geht – und du mit ihm

Der Melder.
Dieses harte, kurze Geräusch, das dir sofort in den Magen fährt.

Adrenalin.
Wie ein Faustschlag von innen.

Egal ob mittags oder nachts um zwei.
Der Körper ist wach, bevor der Kopf versteht.

Raus aus dem Bett.
Deine Freundin schreckt mit hoch – halb schlafend, halb routiniert.
Keine Worte.
Keine Diskussion.

Nur Bewegung.

Das Gerätehaus – ein Ort, der lebt

Das schwere Tor.
Der Geruch: Diesel. Öl. Gummi. Metall.

Und darunter dieser Rest von Rauch.
Bitter. Säuerlich.
Wie ein Echo vergangener Einsätze, das du nicht nur riechst, sondern schmeckst.

Klettverschlüsse reißen.
Reißverschlüsse sirren.
Stiefel klacken dumpf auf Beton.

Jeder Ton ein Stück Identität.

Im Fahrzeug – bevor du weißt, was kommt

Motorstart.
Ein tiefes Brummen, das durch den Brustkorb geht.

Funkrauschen.
Kurze Blicke.
Gurte. Maske. Atemschutz.

Der erste Atemzug schmeckt nach Gummi und Technik.
Noch weiß niemand, was uns erwartet.

Und genau das macht diesen Moment so klar.
So roh.
So lebendig.

Zuschauer sein tut mehr weh als jeder Einsatz

All das lief mir durch den Kopf, während das Einsatzfahrzeug an uns vorbeizog.

Und dann war da nichts mehr davon.
Nur ich.
Im Auto.

Als Zuschauer.

Für einen Moment wusste ich nicht, wer ich ohne dieses Blaulicht eigentlich bin.

Es war kein lauter Schmerz.
Eher ein langsames Zusammenziehen im Brustkorb.
Ein Brennen hinter den Augen.

Ich gehörte nicht mehr dazu.
Und das tat mehr weh als jeder Einsatz, den ich je gefahren bin.

Zwölf Jahre Feuerwehr – verdichtet auf Sekunden

Fast zwölf Jahre.
Ausbildung. Verantwortung. Anerkennung.

Grundlehrgang.
Funklehrgang.
Atemschutzgeräteträger.
Technische Einsatzleitung.

Ein Raum voller Rangabzeichen – und ich mittendrin.
Nicht angepasst.
Sondern ehrlich.

Ich habe gesagt, was richtig ist.
Nicht nach Rang.
Nach Haltung.

Und statt Ärger kam Anerkennung.
Echte.
Auf Augenhöhe.

Einsätze, die bleiben – ob du willst oder nicht

FEZ.
Gerätewart.
Technische Hilfeleistung.
First Responder.

Autobahn.
Blech.
Blut.

Der metallische Geschmack im Mund, wenn du weißt, dass es knapp war.

CSA-Träger mit 40.
Hitze. Gewicht. Atem.
Und trotzdem funktionieren.

Ich war da.
Immer.

Der Bruch kam leise – und von innen

Nicht durch Einsätze.
Nicht durch Angst.

Sondern durch einen Vorgesetzten, der nicht verstanden hat, dass das Leben manchmal andere Pläne macht.

Neuer Job.
Lange Wege.
Zu viel Arbeit.
Zu wenig Kraft.

Ich bat um Beurlaubung.
Nicht um Sonderrechte.
Nur um Luft.

Die Antwort war keine Antwort.
Sie war ein Verwaltungsakt.

Wenn Leistung plötzlich Platz braucht

Heute weiß ich:
Ich habe mich zu lange über Funktionen definiert.
Über Leistung.
Über Dasein für andere.

Und die Erkenntnis, dass darunter noch jemand stand,
der jahrelang keinen Namen gebraucht hatte.

Erst als die Feuerwehr – schmerzhaft – Geschichte war, zog ich die Bremse.
Plötzlich war Platz für Fahrstunden.
Plötzlich wäre vielleicht auch wieder Platz für Feuerwehr gewesen.

Aber dieses Kapitel ist geschlossen.
Vorerst.

Die leise Hoffnung – und die wichtigere Lektion

In mir lebt dieser Wunsch:
Wieder Atemschutz.
Wieder Einsatz.
Wieder dieser Geruch von Schläuchen und kaltem Rauch.

Aber nicht jetzt.

Jetzt muss ich lernen, mich nicht über Uniformen oder Rollen zu definieren.
So wichtig sie auch sind.

Sondern über mich.

Warum ich schreibe – und warum du das liest

Hier kommen Blog und Podcast ins Spiel.
Nicht als Ersatz.
Sondern als Gegenentwurf.

Als Erinnerung daran, dass du Dinge tun darfst, die dich erfüllen –
ohne dich darin zu verlieren.

Definier dich nicht nur darüber, was du für andere bist.
Definier dich darüber, wer du bist, wenn keine Sirene ruft.

Der Moment nach dem Schlussstrich

Vielleicht ist das genau dieser Moment.
Nicht freiwillig.
Nicht sanft.

Aber ehrlich.

Und vielleicht ist diese Pause kein Stillstand.
Sondern der Moment,
in dem der Lärm endlich weg ist

und du zum ersten Mal hörst,
wie es klingt,
wenn nur noch du da bist.

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